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Nach längerem Hantieren habe ich mich nun doch noch angemeldet. Ich wünsche Ihnen heute Abend viel Spass und möchte hiermit meinen kurzen Artikel zum heutigen Thema anbieten. Leider muss ich mich selber für heute Abend abmelden. Mit freundlichen Grüßen
Dimitrius


Sprachbedeutung

Sprache ist ein Zeichensystem: Wörter, Sätze und Texte sind Sprachzeichen, sie haben – wie alle Zeichen – eine wahrnehmbare äußere Form und eine Bedeutung, und wie alle Zeichen meinen sie nicht sich selbst, sondern verweisen mit dieser Bedeutung auf etwas anderes, auf Lebewesen, Dinge und Sachverhalte in der Welt, auf Gedanken, Gefühle von Menschen usw. Diese Bedeutungsseite der Sprache wird kurz analysiert, weil sich dann die besonderen stilistischen Möglichkeiten des Gebrauchs anschaulicher, bildhafter Sprache und Fragen des sprachlichen Ausdrucks besser verstehen lassen.
Die Semantik (Bedeutungslehre zu griechisch sem ‚Bedeutung‘) hat es im Kern mit der Frage zu tun, wie Sprache und Wirklichkeit sich zueinander verhalten, wie das menschliche Denken, geformt durch die (Mutter)Sprache, die Welt erfasst und deutet. Die Spannung zwischen Sprache und Wirklichkeit muss von beiden Seiten her erfasst werden:
• Die Welt ist gegliedert und geordnet; jedenfalls nehmen wir die Welt mit unseren Sinnen als eine gegliederte und mehr oder weniger geordnete wahr, und was wir wahrnehmen, legen wir in den Bedeutungen der Wörter fest: Tag, Nacht, Sonne, Mond, Sterne, Mann, Frau, Kind, Baum, Tisch, Stuhl, Bett, groß, klein, hart, weich, schlafen, wachen, essen, trinken usw. Wie sehr wir dabei auf das Weltwissen einer bestimmten Zeit und unsere naive Anschauung angewiesen sind, zeigen Sätze wie Die Sonne geht morgens auf und abends wieder unter. Dieses alte Weltbild stimmt nicht, wir wissen im Kopf, dass die Erde sich um sich selbst und dabei an der Sonne als Licht- und Wärmequelle vorbei dreht, aber für unsere Augen geht sie eben doch über dem Horizont auf und hinter dem Horizont unter.
Wenn die Wortbedeutungen überwiegend von der Wirklichkeit her gesteuert werden, spricht die Linguistik von einer Referenzsemantik (Referenz = Verweis) oder Onomasiologie (griech. onoma = ‚Name‘, die Dinge werden benannt). Da wird ein neues Arbeitsgerät erfunden, das klein und häufig grau aussieht wie eine Maus; und nun wird dieser Name eines kleinen Tiers für das neue Gerät gebraucht, die Übertragung der Bedeutung ist von der Sache her gesteuert; auch wenn diese Bedeutungsübertragung im zunächst auf Englisch vorgenommen wurde, ist sie für das Deutsche bei der Übernahme des Wortes nachvollziehbar. In der Stilistik spricht man von Metaphern, Katachresen oder Metonymien. Das Wort hat im Wortschatz mehrere Bedeutungen und ist ein Polysem (mehrdeutiges Wort, s. u.) geworden.
• Die gedankliche und praktische Auseinandersetzung der Menschen mit der Welt führt nun aber dazu, dass diese geistige Arbeit selbst Ordnungen schafft, die dann in die Bedeutungen der Wörter einer Sprache und häufig eines Kulturkreises eingehen. So ordnen wir die gewissen Sterne am Himmel einander zu und fassen sie mit Namen zusammen wie der große Bär, der große Wagen (Teil des großen Bären), der Stier, der Jäger, das Kreuz des Südens usw. Andere Kulturkreise haben sich andere Ordnungen geschaffen, verwenden andere Namen. Wenn die Wortbedeutungen überwiegend von der gedanklichen Arbeit her geprägt sind, spricht die Linguistik von einer Bedeutungssemantik oder Semasiologie (das Deuten, das Mit-einer-Bedeutung-Versehen steht im Vordergrund, nicht das Benennen). Einige Beispiele:
Was Kraut ist, lässt sich von der Wirklichkeitswahrnehmung her erfassen (Referenzsemantik), was Unkraut ist, hat damit zu tun, für wie nützlich die Menschen ein bestimmtes Kraut halten (Bedeutungssemantik).
Die Sprachgemeinschaften haben dabei durchaus unterschiedliche Sichtweisen auf die Wirklichkeit in ihren Wortschatz aufgenommen. Im Deutschen bringt man etwas von hier nach da oder von da nach hier. Im Englischen unterscheidet man zwischen bring (zum Sprechenden hin) und take (vom Sprechenden weg).
Wenn wir durch das Internet surfen, dann ist die Übertragung der Bedeutung kaum von der Sache her gesteuert, vom Anklicken bestimmter Icons und dem, was sich dann auf dem Bildschirm abspielt, sondern von einem Lebensgefühl, in dem Abenteuer, Freiheit, Wahlmöglichkeiten usw. eine Rolle spielen. In der Stilistik spricht man dann von einer Metapher (Bedeutungsübertragung). Und eine Metapher liegt wohl auch vor, wenn unser Computer abstürzt. Wenn wir dann vor Verzweiflung in die Kneipe gehen und dort böse abstürzen, sind wir immer noch nicht vom Himmel gefallen oder von einer Felswand. Auch das Wort abstürzen hat im Wortschatz mehrere Bedeutungen und ist ein Polysem (mehrdeutiges Wort, s.u.) geworden.
Zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem, was wir wahrnehmen, und dem, wie die geistige Auseinandersetzung der Sprachgemeinschaft im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende mit dieser Wahrnehmung umgegangen ist, sind die Wortbedeutungen „verankert“; das Bild von der Verankerung soll zugleich ausdrücken, dass da noch gewisse Bewegungsfreiheit herrscht, so wie das Schiff zwar fest am Anker hängt, aber abhängig von der Länge der Ankerkette mit den Strömungen und Windrichtungen dreht; die Wortbedeutungen sind nicht präzise definiert wie bei wissenschaftlichen Begriffen, sondern sie werden in einem Text, in einem Wechselgespräch genauer festgelegt, sind kontextbestimmt. Außerdem sind sie bestimmt durch andere Wörter des Wortschatzes, die wir mit denken. Deshalb sind in einem Exkurs einige wichtige Ordnungsbegriffe der Wortschatzsemantik aufgeführt. Sie helfen, wenn wir den stilistischen Wirkungen nachgehen, die von der Bedeutungsseite des Sprachzeichens her gesteuert sind.

Hier sind einige Beispiele dazu:

(Jemanden) abblitzen lassen
Erläuterung: Jemanden grob abweisen / zurückweisen
Ergänzungen: Die Redensart ist umgangssprachlich und erst seit etwa 1840 bezeugt. Das redensartliche Bild stammt vom wirkungslosen Verpuffen des Schießpulvers, das bei den Gewehren vor und während der Befreiungskriege bisweilen mit blitzartiger Lichterscheinung von der Gewehrpfanne wegbrannte, ohne dass der Schuss losging; noch nicht in übertragenen Sinne bei L. Tieck („Novellenkranz“): „Das Pulver war mir von der Pfanne abgeblitzt“.
Da heutzutage die altertümliche Gewehrkonstruktion nicht mehr bekannt ist, ist das zugrunde liegende Bild so abgeblasst, dass das ältere „abblitzen lassen“ oft zu „abblitzen“ verkürzt wird.
Beispiele: Bundesligavereine wie den VfB Stuttgart oder Borussia Dortmund, die den Libero und Freistoß-Spezialisten gern verpflichtet hätten, ließ er abblitzen. (Internet Sport Channel)
Nachdem ihn die Frauen in seiner Umgebung mehrfach haben abblitzen lassen, begnügt sich der legendäre Herzensbrecher mit seinen Erinnerungen an bessere Zeiten. (Lexikon des Films)
Gestern ließen die Karlsruher Richter die bundesdeutsche Stromwirtschaft beim ersten Versuch, die aufkommende Konkurrenz der Alternativstromer zu killen, glatt abblitzen. (TAZ 2010)

Abgetakelt (sein)
Erläuterung: Ungepflegt aussehen; alt und gebrechlich geworden sein.
Ergänzungen: In der Seemannssprache wendet man „Abtakeln“ auf ein Schiff an, das nicht mehr seetüchtig ist und daher aus dem Dienst gezogen wird.
Beispiele: Wir zählten sieben türkische Fregatten im Hafen, sämtlich abgetakelt und im kläglichsten Zustand. (I. von Hahn-Hahn)
Sie wirken allmählich schon ein bisschen abgetakelt, verlieren obendrein an Spaßigkeit, je mehr die Versorgungslage sich bessert. (Die Zeit 2010)

Auf den Wecker fallen / gehen
Erläuterung: Jemanden nervös machen, jemandem lästig werden.
Ergänzungen: Eine moderne humoristisch- übertreibende Abänderung der gleichbedeutenden Wendung „Einem auf die Nerven fallen (gehen)“; fußt auf der Vorstellung vom Verstand als Uhrwerk.
Beispiele: Wer Einwände gegen diese Sichtweise erhebt, der fällt den Apologeten des Netzes auf den Wecker. (Die Zeit 2010)
Aber gehen uns dessen tönende Predigten der Absichtslosigkeit nicht manchmal auch auf den Wecker? (Die Welt Online)

Ich wünsche allen schönen Abend und bis zum nächsten Mal.
Dimitrius :)

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Kommentar von Nadja Blust am 29. Oktober 2010 um 2:04pm
Danke Dimitrius! Ihr Beitrag in unserem Forum las ich mit Interesse! Meine Frage ist, würden Sie in unserem Diskussionsklubs am Mittwoch teilenhemen oder? Herzliche Grüsse aus Frankreich!

Kommentar

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